das Projekt

“rassismus_verlernen“ – Zum Hintergrund des Projekts

Der Blog „rassismus_verlernen“ ist aus einem Projekt entstanden, das sich ausgehend von deutscher Kolonialgeschichte der Frage von Reparationen für koloniale Menschheitsverbrechen nähert. Anlässlich des Internationalen Tages für Reparationen in Zusammenhang mit Kolonialismus am 12. Oktober 2015 möchte der Blog unterschiedliche Stimmen und Initiativen aus Deutschland, Europa, Afrika und den Amerikas zusammenführen, die Reparationen fordern und bereits umsetzen. Damit soll auch ein Schlaglicht auf die verdrängte Geschichte des deutschen Versklavungshandels mit afrikanischen Menschen gelegt werden, die einer breiteren Öffentlichkeit nahezu unbekannt ist.

Das Projekt versteht Kämpfe um Reparationen als eine Möglichkeit, sich kritisch mit dem Gewordensein von Rassismus im Zuge europäischer, und das heißt auch deutscher Kolonisierung und Versklavung auseinanderzusetzen. Der Titel „rassismus_verlernen“ soll verdeutlichen, dass die Beschäftigung mit der Geschichtlichkeit von Rassismus die Grundlage dafür ist, die fortwährende Alltäglichkeit von Rassismus verstehen zu lernen und damit für die Zukunft verlernen zu können. Da Rassismus immer auch mit anderen Herrschaftsstrukturen wie Sexismus, Klassismus oder Ableismus zusammenwirkt, soll der Unterstrich als Platzhalter dienen.

Der Blog möchte zu einem differenzierteren Verständnis von Reparationen beitragen, die oft nur als finanzielle Entschädigung verstanden werden, indem er der Vielschichtigkeit von Reparationsforderungen Raum gibt. Da Reparationen und die Forderung danach unterschiedliche Bedeutung für unterschiedlich positionierte Akteur*innen haben, ist es uns wichtig, diese Diskussion als Polylog (griechisch poly: viele, log: Wort, Rede, Unterhaltung) zu führen. In diesem Polylog sollen akademische, aktivistische und künstlerische Positionen zu Reparationen ebenso einfließen wie transnationale Perspektiven aus und zwischen unterschiedlichen Ländern.

Ein Blick zurück – deutscher Kolonialismus und Versklavungshandel

1685 bis 1721: Insgesamt 20.000 Menschen werden durch die Brandenburgisch-Afrikanische Kompagnie von der damaligen „Goldküste“ im heutigen Ghana in die Karibik verschleppt und versklavt. Die Festung Großfriedrichsburg dient dabei als Handelsstützpunkt. Deutschlands aktive Rolle im europäischen Versklavungshandel ist ein Teil deutscher Geschichte, der in Schulbüchern, in gesellschaftlichen Debatten, im öffentlichen Bewusstsein nicht präsent ist. Damit ist er nur ein Beispiel für Deutschlands verdrängte Kolonialgeschichte.

1884 bis 1885: Auf der sogenannten „Berliner Konferenz“ wird die koloniale „Aufteilung Afrikas“ besiegelt. Deutschland beansprucht die Gebiete Südwestafrika, Kamerun, Togo und Ostafrika. Zahlreiche Straßennamen im heutigen Berlin verklären nostalgisch die damaligen Kolonialansprüche, ehren deutsche Kolonialverbrecher.

1904 bis 1908: In der Kolonie Deutsch-Südwestafrika begehen die deutschen „Schutztruppen“ unter Generalleutnant Lothar von Trotha einen Genozid an den Herero und Nama. Diesem fallen etwa 90.000 Männer, Frauen und Kinder zum Opfer.

Die Chronologie kolonialer Verbrechen durch Deutschland ließe sich fortsetzen.

Ein Blick nach vorn – Reparationen für Kolonialismus und Versklavungshandel

Unterschiedliche Initiativen, Wissenschaftler*innen und andere Akteur*innen haben in den letzten Jahren durch verschiedene Projekte und Interventionen wie beispielsweise die Forderung nach Umbenennung von Straßennamen oder das Mapping von kolonialen Orten diese Geschichte für eine breitere Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Damit haben sie nicht nur hegemonialen Erinnerungs- bzw. Verleugnungspolitiken ein angemesseneres Verständnis der deutschen Kolonialgeschichte entgegen gesetzt.

Diese Arbeit ist auch wichtig, um heutige koloniale Kontinuitäten und rassistische Realitäten zu verstehen, dafür zu sensibiliseren und und sie zu transformieren. Mit der über Jahrhunderte andauernden europäischen Kolonisierung ist ein Rassismus gegen Schwarze Menschen und People of Color (PoC) entstanden, der bis heute Gesellschaften und internationale Beziehungen prägt. Dieser Rassismus reicht von sozialen Exklusionsmechanismen, Armut und Gewalt über globale politische Ungleichheiten und Handelsasymmetrien bis hin zur Marginalisierung der politischen, kulturellen und intellektuellen Leistungen, Ausdrucksformen und Widerstandsstrategien Schwarzer Menschen und PoC. Daher ist die Beschäftigung mit der Geschichte von Kolonialismus und Versklavungshandel und den durch sie entstandenen Machtverhältnissen und Denkmustern noch heute von unverminderter Relevanz.

Die Diskussion um einen angemessenen Umgang mit der kolonialrassistischen Versklavung wird auch international geführt. Die Gemeinschaft der karibischen Staaten (CARICOM) hat im März 2014 Reparationsforderungen an die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich, Großbritannien, Spanien, Portugal, Dänemark, Schweden und die Niederlande gestellt. Während sich diese Länder, und besonders Frankreich und Großbritannien, durch den Druck der CARICOM-Staaten und reparationistischer Bewegungen im eigenen Land einer öffentlichen Thematisierung nicht länger verschließen können, fehlt in Deutschland bislang eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im transatlantischen Versklavungshandel und Kolonialismus und einer daraus erwachsenden Verantwortung.

Dabei ist auch die deutsche Regierung Adressatin von Reparationsforderungen. Nach dem jahrzehntelangen Engagement namibischer Politiker*innen und zivilgesellschaftlicher Initiativen in Namibia und in Deutschland bezeichnete die Bundesregierung im Juli 2015 die Verbrechen an den Herero und Nama erstmals als Völkermord. Neben einer noch immer ausstehenden förmlichen Entschuldigung machen die Nachfahren der Überlebenden jedoch auch Reparationsforderungen und Restitutionsansprüche geltend. Diese betreffen nicht nur koloniales Raubgut, das etwa die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beherbergt. In den Kellern von ethnologischen Museen und Universitätskliniken lagern noch immer Schädel und andere menschliche Gebeine, die auf eine Überführung und eine angemessene Bestattung in Namibia warten.

Reparationen sind also nicht nur monetär zu denken. Die Anerkennung von Menschheitsverbrechen, die Sichtbarmachung von Geschichte, Forderungen nach Restitution sind unterschiedliche Aspekte der internationalen Debatten und Kämpfe um Reparationen. Diese Reparationsforderungen ernst zu nehmen und gemeinsame Perspektiven und Handlungsoptionen auszuhandeln, ist Aufgabe einer demokratischen Öffentlichkeit.

Menschheitsverbrechen sind irreparabel. Sie können nie mit Reparationen – egal in welcher Form – abgegolten werden. Ein Polylog über Reparationen könnte aber Wege aufzeigen im Hinblick auf eine gemeinsame Zukunft – auf Heilung, Versöhnung und Solidarität.

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